Von 1847 bis 1848 wurde durch die die Netze-Region hindurch die Strecke der Stargard-Posener Eisenbahn-Gesellschaft gebaut. Einen Bahnhof und einen Ort mit dem Namen “Kreuz” gab es bei deren Inbetriebnahme am 20.06.1848 hier noch nicht. Der Fahrplan dieser Strecke kennt als Bahnstationen in der Region nur Woldenburg [Dobiegniew] und Dratzig  [Drawsko]. Offen ist derzeitig hierbei die Frage, ob es sich bei der Station Dratzig um die spätere Station Dratzigmühle  [Drawski Młyn]  oder gar um Kreuz [Krzyz] handelt.

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Der Fahrplan der Stargard-Posener Eisenbahn [Starogrodzko-Poznanska Kolej zelazna] vom 10. August 1848 wurde wegen der teilweisen Zweisprachigkeit des befahrenen Gebietes in deutsch und in polnisch gedruckt. Hier die polnische Fassung. An diesem Tag wurde die Gesamtstrecke Stargard - Posen eröffnet.
Quelle: Robert Kroma, Koleje żelazne w wielkopolsce i na ziemi lubuskiej, H. Cegielski Fabryka Pojazdow Szynowych Sp. z o.o., Poznan 2005


Noch 1848 wurde an der geplanten Abzweigung Ostbahn von der Strecke Stettin – Posen mit dem Bau eines Bahnhofes begonnen, der später ein im klassizistischen  Stil errichtetes Empfangsgebäude erhielt. Obwohl der Bau der Preußischen Ostbahn erst Ende 1849 endgültig vom preußischen Landtag genehmigt wurde, war der Bahnhof “Kreuz” mit der Ausrichtung Südwest-Nordost seiner Gleise von Anfang an darauf angelegt, dass die Strecke der Ostbahn von Berlin an die untere Weichsel und nach Ostpreußen einmal die Hauptstrecke werden sollte. Der Bau der Ostbahn, wurde 1848/49 von dem besagten Kreuzungspunkt an der Stargard-Posener Bahn aus begonnen und am 27. Juli 1851 über Schneidemühl bis nach Bromberg  fertiggestellt. Seit dem 12. Oktober 1857 war dann auch die Strecke von Küstrin bis Kreuz in Betrieb. Von dem Zeitpunkt an kreuzten sich hier daher zwei wichtige Eisenbahnstrecken und führten später zu der Namensgebung "Kreuz".

Nachdem in den folgenden Jahren von hier aus weitere Bahnlinien über Dratzigmühle [Drawski Młyn] nach Rogasen [Rogoźno] (01.10.1896) und über Schloppe [Człopa] (12.12.1899) nach Deutsch Krone [Wałcz] (02.12.1904) in Betrieb genommen wurden, hatte der Bahnhof so sehr an Bedeutung gewonnen, dass sich in seinem Umfeld eine neue Siedlung entwickelte.

Bahnhof Kreuz im Jahre 1851

Kreuz vor 1900

Kreuz (Ostbahn) um 1890

Kreuz (Ostbahn) um 1910

Kreuz Nordseite um 1910

Kreuz Nordseite

Kreuz Nordseite im Winter

Kreuz Südseite

Kreuz Südseite

Kreuz Wasserturm

Kreuz Bahnstraße

Kreuz Kleinbahn

Kreuz Südseite

Kreuz Bahnhof und Eisenbahnüberführung

Die erste Fotogalerie ist dem Bahnhof des Eisenbahnknotenpunktes Kreuz an der Ostbahn in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und zwischen den Kriegen gewidmet. Auf den Bildern werden u. a. die Anlagen der Ostbahn und der Stettin-Posener Bahn gezeigt.


Der Bahnhof und die damit entstandene Siedlung wurden als Kreuz bezeichnet, gehörten aber verwaltungsrechtlich zur Gemeinde Lukatz. Eine im Heimatbrief des Netzekreises im November / Dezember 2003 getroffene Aussage, Lukatz wäre 1851 in Kreuz umbenannt worden, ist nach Lage der Dinge in Frage zu stellen. Am Anfang standen hier nur 17 Häuser in denen 350 Einwohner lebten.

Neumann Orts- und Verkehrs-Lexikon aus dem Jahre 1905 beschrieb Kreuz an der Ostbahn wie folgt:
“Dorf und Bahnhof (35 m), zur Gemeinde Lukatz, unweit der Netze, Preußen, Provinz Posen, Regbez. Bromberg, Kreis Filehne, 1640 Einwohner, Postanstalt, Telegraphenanstalt, Ortsfernsprechnetz, Bahnhof (Linien Berlin - Schneidemühl, Posen - Stargard und Kreuz - Rogasen der Preußischen Staatsbahn sowie Kleinbahn Kreuz - Schloppe - Deutsch-Krone), evangelische Pfarrkirche, Stärke- und Spiritusfabrik”

Auch Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 11. aus dem Jahre 1907 beschreibt Kreuz:
ein zur Gemeinde Lukatz gehöriger wichtiger Eisenbahnknotenpunkt im preuß. Regbez. Bromberg, Kreis Filehne, an den Staatsbahnlinien Berlin-Schneidemühl, Posen-Stargard und K.-Rogasen sowie an der Kleinbahn K.-Deutsch-Krone, hat eine evang. Kirche und (1900) 1640 Einw.”

Hingegen wird Lukatz in Meyers Großem Konversations-Lexikon, Band 12 von 1908 als “Dorf im preuß. Regbez. Bromberg, Kreis Filchne, an der Drage und unweit der Netze, hat 2 evang. Kirchen, eine Stärke- und Sirupfabrik und (1900) 2892 Einw.” beschrieben. Neumann Orts- und Verkehrs-Lexikon aus dem Jahre 1905 trifft zu Lukatz folgende Aussage: “Dorf an der schiffbaren Drage und unweit der Netze, Preußen, Provinz Posen, Regbez. Bromberg, Kreis und Amtsgericht Filehne,  Postanstalt, Eisenbahnstaion Kreuz a. Ostbahn 2 km, 2892 Einwohner, Stärke- und Sirupfabrik”.

Kreuz [Krzyz], manchmal auch als Ostbahnkreuz bezeichnet, entwickelte sich zu einer Eisenbahnerstadt mit ca. 5000 Einwohnern und ging aus dem Bahnhof Kreuz, dem Dorf Drage-Lukatz und dem Ortsteil  Buschlukatz hervor. Sie nannte sich aufgrund des Eisenbahnkreuzes zuerst Kreuz-Lukatz. Am 28.05.1936 erhielt Lukatz-Kreuz Stadtrecht und wurde zur Stadt Kreuz an der Ostbahn.

Trotz dieser Zugehörigkeit zur Gemeinde Lukatz trug der Bahnhof immer die offizielle und bahnamtliche Bezeichnung Kreuz bzw. Kreuz a. d. Ostbahn.

Mit dem Anwachsen des Verkehrs bekam die Strecke Posen - Stettin im Bereich des Dorfes Drage-Lukatz eine neue Trasse um eine niveaufreie Kreuzung mit der Ostbahn herzustellen. 1910 wurden die Anlagen des Bahnhofs Kreuz (Personen- und Rangierbahnhof sowie Betriebswerkstätte) den Erfordernissen eines modernen Eisenbahnverkehrs angepasst. Neben Schneidemühl war Kreuz der wichtigste Betriebsmittelpunkt in dieser Region an der Ostbahn.

Der Ort Kreuz wurde hauptsächlich von Eisenbahnern und Kaufleuten geprägt. Wasserumschlag war über den Netzehafen ab 1912 möglich.
Daneben gab es noch die Stärkefabrik, die 1916 von der W. A. Scholten, Stärke- und Syrup-Fabriken, AG, Brandenburg a. H., mit einem weiteren Werk in Landsberg (Warthe), übernommen wurde. Das Werk Kreuz a. d. Ostbahn wurde 1930 stillgelegt. Im November 1930 wurde ein Pachtvertrag mit der Deutsche Maizena-Werke AG, Hamburg abgeschlossen; Dauer zunächst bis 1940 mit jeweiliger Verlängerung um 10 Jahre. Der wesentlicher Inhalt war die Überlassung des gesamten Fabrikationsbetriebes in den Fabrikanlagen Brandenburg (Havel), Wepritz (Neumark) bei Landsberg (Warthe) und Kreuz a. d. Ostbahn.

Während des Großpolnischen / Posener Aufstandes soll es 1918/19 auch heftige Kämpfe um den Bahnknoten Kreuz gegeben haben. Nach den Festlegungen des Versailler Vertrages wurde die Grenze zwischen Deutschland und der nun entstandenen Republik Polen jedoch rund 2 km südlich des Bahnhofs Kreuz festgelegt. Nach einer erst erfolgten Einstellung des Betriebes war Kreuz dann bis 1939 auf der Strecke nach Poznan [Posen] auch Grenzbahnhof nach Polen.

Kreuz_1922

Übersichtsplan des Knotenbahnhofs Kreuz aus dem Jahre 1922


Am 27. / 28. Januar 1945 besetzten die Truppen der Roten Armee nach schweren Kämpfen Stadt und Bahnhof Kreuz.  Nach der Besetzung wurde der Bahnhof für den militärischen Nachschub der Roten Armee genutzt. Dieser Teil der Ostbahn war vor dem Beginn der Berliner Operation eine der wichtigsten Fronthaupteisenbahnlinien für den Nachschub der 1. Belorussischen Front.  Noch 1945 übernahm die wieder gebildete Polnische Staatsbahn (PKP) den Bahnhof und die angrenzenden Strecken. Der Bahnhof selbst und die angrenzende Siedlung hatte im Gegensatz zur Stadt den Krieg ohne großen Schaden überlebt.

Bis 1946 wurde im früheren Bahnbetriebswerk die Instandsetzung von Dampflokomotiven aufgenommen.

Der Bahnhof mit seinen riesigen Anlagen hat an seiner Ausstrahlungs- und Anziehungskraft bis heute nichts verloren. Im Mittelpunkt seht das aus heutiger Sicht überdimensionierte Empfangsgebäude in Insellage. Es kann nach wie vor nur über eine Fußgängerbrücke erreicht werden.

Trotz der Neuausrichtung der innerpolnischen Verkehrsströme blieben die angrenzenden Abschnitte der Ostbahn zweigleisig ausgebaut.

Am 10.09.1977 wurde der elektrische Zugbetrieb von Krzyz in Richtung Poznan aufgenommen. Die Strecke in Richtung Szczecin folgte am 21.08.1978. Damit war zwar der Bahnhof Krzyz in das elektrifizierte Streckennetz der PKP einbezogen worden, die anschließenden Ostbahnabschnitte nach Kostrzyn und Pila blieben aber ohne Fahrleitung.

Die zweite Fotogalerie zeigt Bilder aus der heutigen Zeit.

 

Wie in vielen “Eisenbahner-Städten” Europas hat sich auch in Krzyz das Leben verändert. Die Eisenbahn spielt zwar noch eine nicht unbedeutende Rolle in der Stadt, das wirtschaftliche Leben hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten aber auch auf viele andere Bereiche wie Handel, Dienstleistungen und Tourismus ausgedehnt. Eines aber wird immer bleiben, der Name der Stadt: Krzyz / Kreuz. Er geht nun einmal auf den Bau der Ostbahn vor rund 160 Jahren zurück.

Bilder vom Jubiläum 2007 (Kostrzyn - Witnica - Bogdaniec- Gorzów - Krzyż) hier.


Zwischen 2007 und 2009 hat die Stiftung Karta mit der finanziellen Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ein Projekt zur Dokumentierung der Geschichte der Stadt Kreuz / Krzyż im 20. Jahrhundert durchgeführt. Die Ergebnisse der Arbeit sind unter “Krzyż - Kreuz w XX wieku. Polska i niemiecka pamięć pewnego miasta” bzw. “Krzyż - Kreuz im 20. Jahrhundert. Eine Stadt in der deutschen und polnischen Erinnerung” dargestellt. Dort sind u.a. auch 60 sehr interessante biographische Interviews enthalten. In einer Galerie befinden sich auch einige Eisenbahnaufnahmen [dt] [pl] aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.